19.02.2012
Seit einiger Zeit schon belästigt mich der Gedanke, dass mit unserem viel berufenen, tausendfach zitierten Vernunftbegriff vielleicht etwas nicht stimmt. Dass er wie die Lebensmittel von Zeit zu Zeit vergiftet wird. Dass er seine Felsennatur mitten im Sprachzerfall längst nicht mehr inne hat. Dass die vielen Sanierungen, die er hinter sich hat, seine alte Substanz zerfressen und ruiniert haben. Dass die anderen Wörter, die ständig zu ihm flohen, um einen letzten Unterschlupf vor ihren Verfolgern zu finden, ihn ausgezehrt und zermürbt haben. Schon den Philosophen Kant befiel einmal der Horrortraum, dass das System der Vernunft, das er gegen das Böse errichtet hatte, von den Dämonen befallen und besetzt werden könnte, eines Tages. Was dann? Im Namen des alten Glaubens an die Vernunft wurden wahrhaft schon einige Sandburgen des Vertrauens geschleift und als täuschende Hoffnungen enttarnt.
Wie lange und wie lautstark war sich die politische Mittelklasse ganz sicher, dass die Vernunft zu den Kernkraftwerken keine Alternative mehr übrig lasse, die sozial und im Sinne des Wohlstandes für alle zu verantworten wäre. Dann kam, wie wir alle wissen, Fukushima und die schreckliche Angst. Die politische Haupt-Klasse wurde über Nacht kleinlaut und kehrte um. Man habe sich getäuscht, oder hat sie die Vernunft selbst getäuscht? Die Vernunft der Wissenschaft, auf die sich die meisten jahrzehntelang sieges-bewusst berufen hatten?
Peinliche Fragen traten auf und wurden schnell mit neuen Lösungen, die schon wieder die sog.Vernunft gebot, vom Tisch gefegt. Die neue Lösung ist da, das kostete Stimmen zugunsten der Grünen, die nun ihre große Stunde abfeiern durften, die aber nicht allzu lange dauerte. . Denn sie redeten doch schon seit Beginn ihres Auftretens von dieser neuen Lösung der ökologischen Vernunft, auf deren Trittbrett nun alle sprangen. Sogar die FDP, die sich erdreistete, die alte gebrechlich gewordene Vernunft sogar für ihren Markenkern erneut zu missbrauchen. Das rächt sich sofort, die Partei ist schon verstorben inzwischen und niemand weiß ob sie noch einmal auferstehen wird. .
Das Schlimme ist aber nicht, dass sie sich täuschten, die Jubelperser des technischen Fortschritts, alle. Nein, das Übel bleibt, dass sie sich schon wieder auf die Vernunft berufen und sie damit zum Gespött und abgestandenen Kalauer machen. Dass sie es nicht viel stärker erschüttert hat, dass sie wie sehr sie sich täuschten. Wäre die Politik reuevoll und etwas zerknirscht wenigstens vor ihre Wähler getreten und hätte bedauert, dass sie sich so sehr getäuscht habe. Dass sie sich zu oft und zu vollmundig auf die Vernunft berief in den letzten Dezennien, dass die Vernunft sich wohl deshalb ganz zurückgezogen hat. Dies Bedauern, diese Trauer fiel viel zu oberflächlich aus. Es hat das Versprechen gefehlt, das auf allen Plakaten und websites der Republik zu stehen hätte, das niemals jemand mehr behaupte, die Vernunft in die eigene Tasche stecken zu können, niemand mehr sich verspräche, man wisse einen todsicheren und lebendigen Weg in die Zukunft. Natürlich, Scham kommt bei der Masse Mensch nicht gut an, sie gilt als Zeichen der Loser, als Eingeständnis des Missserfolgs.
Doch jetzt erneut Vernunftformeln schnell zu backen und hinauszuschleudern mit den Worten Kauders: ich hab‘s. Uns fehlt die Großstadtkompetenz. Aber in Europa wird wieder Deutsch gesprochen. Welche Vogelscheuche von Vernunft ihm wohl das wieder eingeflüstert haben mag. So geht es weiter ohne Vernunft mit ihr, in ihrer Abwesenheit, als Allerweltsphrase im Munde der Unberufenen.
© Peter Zwey